Mit der Legalisierung von Cannabis im April 2024 wurden viele Fragen und Problematiken eröffnet, die die Gesellschaft so noch nie hatte. Unter anderem eben, welche Regelungen für Cannabis und den Straßenverkehr gelten müssen, sollten oder dürfen. Bis jetzt hieß es da ganz klar: Nein. Doch wie sieht es nun aus? Hat sich etwas an den strikten Regelungen geändert? Darf man jetzt etwa kiffen und fahren? Lass uns einfach mal gemeinsam draufschauen!
THC-Grenzwert(e) rund um Cannabis im Straßenverkehr Deutschlands
Kiffen und fahren geht natürlich nicht, genauso wenig wie betrunken Autofahren ein absolutes No-Go ist. Deine Fahrtüchtigkeit muss gegeben sein und wenn Du breit wie eine Strandhaubitze hinter dem Lenkrad sitzt, ist das wohl kaum der Fall. Doch wie bei Alkohol auch gibt es natürlich Auswirkungen der Substanz, die über das Konsumfenster hinausgehen und abhängig von der konsumierten Menge dafür sorgen können, dass Du auch eine ganze Zeit lang danach noch außer Gefecht gesetzt bist. Wir reden natürlich vom Blutalkohol bzw. dem THC-Gehalt im Blut. Auch, wenn Du Dich nüchtern fühlst, müssen hier die Werte stimmen, um die geltenden Anforderungen an Cannabis im Straßenverkehr erfüllen zu können. Beim Alkohol variiert diese Grenze je nach Umstand. So müssen Fahranfänger oder Berufskraftfahrer zum Beispiel überhaupt keinen Blutalkohol nachweisen können, also 0,0 Promille. Für die meisten anderen Personen gilt aber: Bis 0,3 Promille gilt man noch als nicht fahruntüchtig und muss nicht immer mit Konsequenzen rechnen. Meist wird sogar bis 0,5 Promille noch ein Auge zugedrückt, doch liegt Dein Blutalkohol darüber, kannst Du Dich in jedem Fall auf ein Bußgeld einstellen. Achtung: Das gilt für reine Kontrollen, bei denen Du keinerlei Auffälligkeiten zeigst. Hast Du Ausfallerscheinungen oder bist in einen Unfall verwickelt, kann dies auch bei einem niedrigeren Promillewert als Ordnungswidrigkeit oder sogar Straftat geahndet werden! Dazu kommen dann noch der ein oder andere Punkt in Flensburg und ein Fahrverbot. Für die meisten Fahrer heißt das: Mit den Kumpels ein Bier trinken und dann nach Hause fahren geht klar – solange “ein Bier” auch ein Bier meint.
Und auch bei Cannabis im Straßenverkehr gab es sogar vor der Legalisierung bereits eine Regelung: nämlich 1 ng/ml Blutserum. Diese Grenze ist ziemlich schnell erreicht und kommt eigentlich einer Nullgrenze gleich. Besonders beim heutigen THC-Gehalt von Cannabis, der teilweise weit über 20 % liegt, reicht ein halber Joint, um den Schwellwert zu knacken – beim Konsum mit Vaporizer geht es sogar noch schneller. Kurz nach der Legalisierung wurde dann eine neue Grenze für Cannabis im Straßenverkehr angesetzt.
Der neue THC-Grenzwert fürs Autofahren
Damit eine neue Regelung zu Cannabis im Straßenverkehr festgelegt werden konnte, gab es nach offiziellen Infos eine Expertenkommission, die beurteilt hat, ab wie viel ng/ml die Fahrtüchtigkeit eingeschränkt ist, wie viel Cannabis dafür konsumiert werden müsste usw. Dann stand der Entschluss fest: Der neue THC-Grenzwert für Cannabis im Straßenverkehr liegt seit dem 5. Juli 2024 bei 3,5 ng/ml Blutserum. Nicht verständlich ist allerdings, warum. Denn: Laut Studien besteht bis 7 ng/ml noch kein erhöhtes Unfallrisiko (siehe Tabelle). Vielleicht möchte man hier ein Zeichen setzen und sagen: bitte nicht kiffen und fahren. Vielleicht hatte eines der Kommissionsmitglieder ein Problem mit der Zahl 7. Vielleicht – und wir stellen das nur mal in den Raum – vielleicht gab es aber auch einfach keine “eigenen” Erfahrungswerte und Berührungspunkte mit dem Thema und daher leider auch lückenhafte Vorstellungen der Realität. Folgende Tabelle findet sich dazu übrigens in der Empfehlung der interdisziplinären Expertengruppe, die den Vorschlag zu Cannabis im Straßenverkehr entwickelte:
ng/ml THC im Blutserum |
Unfallrisiko |
Verkehrssicherheitsrelevante Leistungen |
< 2 |
- |
- |
2 – 5 |
- |
Erste Zeichen einer Beeinträchtigung in der Feinmotorik bei einem Teil von Gelegenheitskonsumenten (Ramaekers et al. 2006), Beeinträchtigung entspricht der bei 0,2 ‰ BAK (Irwin, et al. 2017). |
5 – 10 |
- |
75–90 % der Fälle zeigen bei Gelegenheitskonsumenten deutliche Beeinträchtigungen in verschiedenen Leistungstests (Ramaekers et al. 2006). |
< 7 |
Kein erhöhtes Risiko, einen Unfall zu verursachen (Drummer et al. 2020). |
- |
7 – alle Fälle |
Unfallrisiko entspricht dem einer moderaten Alkoholisierung von 0,1–0,5 ‰ BAK (Drummer et al. 2020). Es fahren und verunfallen v. a. häufiger Konsumierende (Borodovsky et al. 2020, Blows et al. 2005; Pulido et al. 2011). |
Leistungseinbußen auch bei regelmäßigem Konsum möglich, v. a. nach höheren Dosen (Marcotte et al. 2022). Bei häufigerem Konsum sind geringere Leistungseinbußen zu erwarten als bei gelegentlichem Konsum (Ramaekers et al. 2009, Müller et al. 2006). |
11,5 |
- |
Leistungsbeeinträchtigungen im Spurhalten entsprechen einer BAK von 0,5 ‰ (Hartmann et al. 2015). |
13,8 – 18,4 |
10-fach erhöhtes Unfallrisiko entspricht in der Studie ca. 1% BAK (Drummer et al. 2020). |
Leistungsbeeinträchtigungen im Spurhalten entsprechen einer BAK von 0,8 ‰ (Hartmann et al. 2015). |
Zum Vergleich: Ein THC-Wert von 7 ng/ml entspräche etwa den gleichen Beeinträchtigungen von 0,1–0,5 % Blutalkohol. Warum man sich dennoch für einen deutlich niedrigeren Grenzwert entschieden hat? Wissen wir auch nicht.
Übrigens steht im Bericht der Expertenarbeitsgruppe ebenfalls, dass Dauerkonsumenten im Durchschnitt einen Wert von 4,8 ng/ml Blutserum zeigten – aber ohne gleichzeitige Beeinträchtigungen der Fahrtüchtigkeit. Auch hier scheint die nun geltende Regelung zu Cannabis im Straßenverkehr also nicht viel Sinn zu ergeben.
Cannabis und das Straßenverkehrsgesetz (StVG)
Das Straßenverkehrsgesetz (StVG) regelt den Umgang mit Cannabis im Straßenverkehr ziemlich strikt. Wird der aktuell geltende Grenzwert überschritten, gilt der Fahrer als fahruntüchtig, auch wenn keine Fahrfehler oder offensichtliche Beeinträchtigungen vorliegen (aha?). Betroffenen, die mit Cannabis am Steuer erwischt wurden, drohen ziemlich unerwünschte Konsequenzen, wie ein Bußgeld von mindestens 500 Euro, 2 Punkte in Flensburg und ein einmonatiges Fahrverbot – auch bei erstmaligem Verstoß. Wiederholte Verstöße oder auffälliges Fahrverhalten können sogar zum Führerscheinentzug und zur Anordnung einer MPU (medizinisch-psychologische Untersuchung) führen. Will man natürlich vermeiden.
Eine kleine Sicherheit haben wir aber für Dich: Grundsätzlich darf die Polizei nicht einfach willkürlich Verkehrsteilnehmer herausziehen und testen, denn auch hier gelten strikte Vorschriften – und die schützen Dich. Denn damit ein Test durchgeführt werden kann, muss mindestens einer der folgenden Punkte erfüllt sein:
-
Auffälliges Fahrverhalten (zum Beispiel Schwierigkeiten, die Spur zu halten).
-
Äußere Hinweise auf Konsum wie Cannabis-Geruch oder auffällige Pupillen.
-
Offen herumliegendes Cannabis.
-
Ein Unfall.
Doch was genau passiert eigentlich mit der Fahrtüchtigkeit im Straßenverkehr, wenn man Cannabis konsumiert hat?
Auswirkungen des Cannabiskonsums auf die Fahrtüchtigkeit
Wie Du aus der oben gezeigten Tabelle entnehmen kannst, wirkt Cannabis auf verschiedene Weisen auf den Körper. Darunter musst Du mit einer eingeschränkten Reaktionszeit, schlechteren Konzentration und reduzierter Feinmotorik rechnen. Dazu kommen dann noch
… verzerrte Wahrnehmung: Geschwindigkeit, Entfernungen und Gefahren werden falsch eingeschätzt.
… reduzierte Aufmerksamkeitsspanne: Multitasking-Fähigkeit wird eingeschränkt, was problematisch bei komplexen Verkehrssituationen ist.
… Müdigkeit oder Schläfrigkeit: Besonders bei hohen Dosen kann Cannabis zu einer sedierenden Wirkung führen.
… Risikobereitschaft: Einige Studien zeigen, dass Cannabis das Urteilsvermögen beeinflussen und zu riskanterem Verhalten führen kann.
… Einschränkungen der Entscheidungsfähigkeit: Situationen werden schlechter eingeschätzt, Entscheidungen dauern länger.
… Panik oder Angstzustände: Insbesondere bei ungeübten Konsumenten kann dies das Verhalten im Straßenverkehr negativ beeinflussen.
… verminderte Gedächtnisleistung: Kurzfristige Informationen (z. B. Verkehrsschilder) werden schlechter verarbeitet oder vergessen.
Besonders bei Gelegenheitskonsumenten können bereits geringe THC-Werte die Verkehrssicherheit gefährden. Das alles hängt natürlich aber auch davon ab, wie viel konsumiert wurde, wie Dein Körper darauf reagiert, und, und, und. Damit Du wirklich komplett fahrtüchtig bist, empfiehlt der ADAC, mindestens 24 Stunden nach dem Konsum zu warten, bevor Du Dich wieder hinter das Steuer setzt. Alles darunter solltest Du mit etwas gesunder Selbsteinschätzung angehen, Dir der möglichen Risiken bewusst sein und vor allem ernsthaft beurteilen, ob Du Dich gerade als Gefahr für Dich und andere Verkehrsteilnehmer siehst. Hol Dir im Zweifelsfall auch besser noch eine Fremdeinschätzung!
Und wie schaut es mit medizinischem Cannabis im Straßenverkehr aus, wenn man auf Rezept konsumiert?
Patienten, die Cannabis auf Rezept erhalten, unterliegen besonderen Regelungen, doch die Fahrtüchtigkeit bleibt selbstverständlich auch hier weiterhin ein zentrales Thema – es wäre schließlich kontraproduktiv, wenn alle Rezeptkonsumenten fahrunfähig in den Verkehr entlassen werden. Grundsätzlich dürfen Patienten mit medizinischem Cannabis im Straßenverkehr unterwegs sein, sofern sie nicht beeinträchtigt sind. Hierbei liegt die Verantwortung beim Fahrer, der selbst einschätzen muss, ob er sich fahrtauglich fühlt. Die gesetzlichen THC-Grenzwerte von 3,5 ng/ml im Blutserum gelten dabei aber ebenso für medizinische wie für freizeitliche Konsumenten. Klingt erst einmal gar nicht so anders.
Der entscheidende Unterschied: Patienten mit ärztlich verschriebenem Cannabis können sich im Falle einer Kontrolle auf ihre Behandlung berufen. Dennoch ist dies keine Freikarte. Wer unter Einfluss von Cannabis im Straßenverkehr angehalten wird und klar fahruntüchtig ist – beispielsweise durch Müdigkeit, Schwindel oder reduzierte Reaktionsfähigkeit – riskiert trotz Rezept rechtliche Konsequenzen. Um sicher zu fahren, sollten Patienten zunächst prüfen, wie ihr Körper auf die verschriebene Dosis reagiert. Besonders in der Eingewöhnungsphase oder bei Dosisänderungen ist Vorsicht geboten. Regelmäßige Konsultationen mit dem behandelnden Arzt helfen aber, mögliche Nebenwirkungen zu überwachen. Wenn Dein Arzt mitspielt, könntest Du hier auch gelegentlich Deinen Blutwert testen, denn so weißt Du immer ganz genau Bescheid, bei welchem Wert Du Dich mit Deinem Konsum ungefähr befindest. In den meisten Fällen wird bei Cannabis-Rezepten ohnehin darauf abgezielt, die verschriebene Menge so gering zu halten, dass die psychoaktiven Auswirkungen gering bleiben. Als Schmerzpatient, der wirklich viel konsumieren muss, sieht es da natürlich anders aus und Du kannst damit rechnen, dauerhaft über der gestatteten Grenze von 3,5 ng/ml zu liegen.
Und beim Langzeitkonsum von Cannabis im Straßenverkehr?
Langzeitkonsumenten von Cannabis können erstaunlicherweise trotz eines THC-Werts unter den gesetzlichen Grenzwerten ein erhöhtes Risiko für Verkehrsunfälle haben. Studien zeigen, dass regelmäßiger Konsum auch langfristige Auswirkungen auf kognitive und motorische Fähigkeiten hat, die für die sichere Teilnahme am Straßenverkehr jedoch ziemlich entscheidend, um nicht zu sagen grundlegend, sind. Auch wenn der THC-Gehalt im Blut unter 3,5 ng/ml liegt, können chronische Konsumenten noch beeinträchtigt sein. Andersherum ist es jedoch auch möglich, dass bei “mittellangfristigem Konsum” zwar der Blutwert zu hoch, die Fahrtüchtigkeit aber nicht eingeschränkt ist.
Untersuchungen deuten jedoch eher darauf hin, dass die Fähigkeit zur schnellen Reaktion, die Hand-Augen-Koordination und die Beurteilung von Gefahrensituationen bei Langzeitkonsumenten deutlich eingeschränkt sein können. Diese kognitiven Veränderungen wirken sich dementsprechend auch negativ auf die Verkehrssicherheit aus. Ein erhöhtes Unfallrisiko bei Langzeitkonsumenten könnte also auch dann bestehen, wenn der THC-Wert nicht unmittelbar die gesetzlichen Grenzwerte überschreitet. Das liegt daran, dass regelmäßiger Konsum zu einer Toleranzentwicklung führen kann, bei der die Substanz zwar weniger intensiv wirkt, aber die körpereigenen Anpassungen dennoch die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen. Zudem zeigt die Forschung, dass Langzeitkonsumenten häufiger zu riskanterem Fahrverhalten neigen, was das Unfallrisiko weiter steigert. In Kombination mit einer potenziellen Verringerung des Urteilsvermögens und der Aufmerksamkeit bleibt das Unfallrisiko auch bei niedrigem THC-Wert erhöht. Spaßige Angelegenheit also – zwar bekommt man hier dann keine Geldstrafe, da der Blutwert gepasst hat, doch ideal ist das alles nicht.
Cannabis im Straßenverkehr: Was mache ich jetzt mit den Infos
Cannabis im Straßenverkehr ist gar nicht mal so einfach. Die Informationen sind viel, die Regelungen teilweise irgendwie unverständlich und dann kann man bei sich zu Hause ja auch nicht einfach mal so einen Bluttest machen, um einfach mal selbst zu schauen, wo man sich befindet. Also was tun? Wir würden uns an Folgendes halten:
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Und falls Du gehofft hast, Du kannst nach der Cannabis-Legalisierung Auto fahren ohne Konsequenzen: Tut uns sehr leid. Und um auf unsere Eingangsfrage zurückzukommen, „Cannabis im Straßenverkehr: Do or Don't“: Don't.